"Ich sehe noch, wie ich im Tor stand und direkt neben dem Pfosten kauerte schon der erste Junge. Auch im hinteren Teil des Fußballtores saßen die Kinder. Die Flutlichtmasten wurden erklettert. Immer mehr Leute drängten nach und immer wieder wurde gesagt: Bitte, rückt nach vorne vor, es wollen noch mehr Leute herein, noch mehr." Auch viele, viele Jahre nach diesem legendären 07. November 1956, als an der Essener Hafenstraße eine Mischelf aus Spielern von Rot-Weiss Essen und Fortuna Düsseldorf auf Honvéd Budapest traf, war Torwart Fritz Herkenrath noch immer ergriffen von diesem ganz besonderen Tag vor einer faszinierenden Kulisse, die bis heute einzigartig geblieben ist.
Vor siebzig Jahren erlebte das Georg-Melches-Stadion an der Essener Hafenstraße eine unvergessene Partie, über die Generationen von Fußballfans noch Jahrzehnte später schwärmten. Honvéd Budapest war damals eine Klasse für sich. Rund um die Superstars József Bozsik, Sándor Kocsis und Ferenc Puskás kam die ungarische Weltklassemannschaft auf ihrer Gastspielreise durch Europa auch ins Ruhrgebiet. Und das Interesse der Menschen im Revier an dieser aufsehenerregenden Ansammlung von großartigen Fußballern war riesig. Gefühlt wollte jeder dabei sein, wenn die halbe Wundertruppe der ungarischen Nationalmannschaft der Weltmeisterschaft von 1954 an der Hafenstraße auflief.
Der Grund für die Reise der Honvéd-Spieler war jedoch ein trauriger. In ihrer Heimat hatte sich seit dem 23. Oktober der Widerstand gegen das stalinistische Regime und die sowjetische Besatzung formiert. Doch schnell eskalierten die anfangs friedlichen Studentendemonstration in Budapest mit Forderungen nach Demokratie, Reformen und dem Abzug sowjetischer Truppen. Als am 04. November sowjetische Panzer durch Budapest rollten, saßen die Spieler von Honvéd am Radio und verfolgten wie die Freiheitsbewegung der Ungarn blutig niedergeschlagen wurde. Keine einfache Situation für die Spieler. Doch die Menschen im Revier zeigten viel Mitgefühl, als die Mannschaft von Honvéd drei Tage später mit Trauerflor - einem Zeichen der Verbundenheit mit ihren Landsleuten - auf den Platz an der Hafenstraße liefen.
Fans auf den Flutlichtmasten
An diesem einen Abend konnten Bozsik, Puskás und Co. für neunzig Minuten einmal all ihre Sorgen vergessen, denn die Kulisse, die sich den Ungarn im Georg-Melches-Stadion bot, war auch für sie außerordentlich. Mindestens 45.000 Zuschauer hatten sich an der Hafenstraße "wie die Ölsardinen" ins enge Rund gepresst. Und wer keinen Platz fand, der suchte sich einen an ungewohnten Orten. Im August erst hatte man die hochmoderne Flutlichtanlage eingeweiht, nun erstiegen mutige Fans die Masten auf der Suche nach der besten Sicht. Als der Stadionsprecher dies sah, kam es zu einem bis heute unvergessenen Spruch: "Jungs, klettert bitte nicht höher. Da oben sind Stromleitungen. Ihr kriegt einen elektrischen Schlag. Da seid ihr lange tot!"
Auch sportlich bot sich den begeisterten Zuschauern an diesem Abend ein echtes Spektakel. Aus Respekt vor der spielerischen Klasse der Ungarn hatte man den deutschen Meister aus Essen des Jahres 1955 rund um ihren legendären Weltmeister Helmut Rahn noch mit Spielern aus Düsseldorf verstärkt. Und das zeigte tatsächlich Wirkung. Beide Teams lieferten sich ein wahres Offensiv-Festival. Als am Ende ein 5:5 stand, feierte die Presse die Akteure mit einer wahren Lobeshymne: "Zehn Tore, eines schöne als das andere." Wer damals das Glück hatte, bei dieser außergewöhnlichen Partie mit dabei gewesen sein zu dürfen, vergaß die Szenen dieses Abends nie wieder.
Zum Autor
- Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
Jüngst ist das Buch "Ein Tor würde dem Spiel guttun. Das ultimative Buch der Fußball-Wahrheiten" frisch in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage erschienen.
Mit seinen Fußballprogrammen ist er deutschlandweit unterwegs. Infos und Termine auf www.scudetto.de.
Die Erinnerungen an diese emotionale Begegnung zweier großer Fußballnationen hallen bis heute nach. Der 7. November 1956 ist in diese Geschichte der Essener Hafenstraße nicht nur wegen des bis heute gültigen Zuschauerrekords eingegangen. Die besonderen Umstände dieses Abends, die geprägt waren durch die blutige Niederschlagung der ungarischen Freiheitsbewegung und der großen Welle des Mitgefühls und der Sympathie der Menschen im Revier, und die sportlichen Höchstleistungen einiger der besten Fußballer der damaligen Zeit werden auf ewig unvergessen bleiben.


