Johanna führte isoliertes Leben"Die Wahnsinnige" erbte zwei Kronen - regieren durfte sie nie

Johanna von Kastilien erbt im 16. Jahrhundert zwei Kronen und ebnet ihrem Sohn Karl den Weg zu einem gewaltigen Herrschaftsgebiet. Als "die Wahnsinnige" geht sie in die Geschichte ein. Fast 46 Jahre verbringt die Königin im Hausarrest.
Man nannte sie "die Wahnsinnige". Doch Johanna von Kastilien war vor allem eine Königin, deren Macht andere für sich beanspruchten. Ihr Vater und ihr Ehemann stellten ihre geistige Gesundheit infrage, um an ihrer Stelle zu regieren. Dabei erbte Johanna nach und nach die Kronen Kastiliens und Aragóns und legte damit das Fundament für die spätere Weltmacht der Habsburger.
Davon ahnte sie als Kind wenig, denn sie wurde am 6. November 1479 als drittes Kind des Königspaars Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón geboren. Eine Schlüsselrolle in der europäischen Geschichte übernahm sie durch ihre Ehe mit Philipp dem Schönen, dem einzigen Sohn des späteren römisch-deutschen Kaisers Maximilian. Diese Verbindung sollte das Bündnis der Herrscherfamilie der Habsburger mit den spanischen Königreichen besiegeln. Als sich die beiden 1496 in den Niederlanden begegneten, soll es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Johanna liebte ihren Mann leidenschaftlich und er erwiderte ihre Zuneigung - zumindest anfangs. Das Paar bekam sechs Kinder.
Durch eine Reihe von Todesfällen rückte Johanna in der kastilischen Erbfolge nach oben. Nach dem Tod ihrer Mutter Isabella 1504 wurde sie Königin von Kastilien. Damit geriet sie in die Machtkämpfe der Männer, die um die Herrschaft in Spanien rangen: ihr Ehemann Philipp und ihr Vater Ferdinand.
Es gibt Berichte, wonach Johanna zeitweise regungslos dasaß und vor sich hin starrte. Zeitgenossen deuteten dies als Melancholie. Ob sie tatsächlich psychisch krank war und wenn ja, wie schwer, ist bis heute umstritten. Die kastilischen Stände weigerten sich jedenfalls, Johanna für regierungsunfähig zu erklären. Philipp regierte fortan als König von Kastilien, mit Johanna als Königin an seiner Seite, aber ohne sie an der Macht. Dann erkrankte er überraschend an hohem Fieber. Am 25. September 1506 starb Philipp der Schöne mit nur 28 Jahren. Schon damals hieß es, Ferdinand habe ihn vergiften lassen. Beweise dafür gibt es nicht. Nun war Johanna die alleinige Königin von Kastilien. Regieren ließ man sie trotzdem nicht.
Rebellen und Königstreue buhlen um Johanna
Ihren verstorbenen Mann gab Johanna nicht auf. Mit dem Toten zog die hochschwangere Königin monatelang durch Kastilien. Während der Reise ließ sie den Sarg öffnen. Man erzählte sich, sie habe mit ihm gesprochen und auf sein Erwachen gehofft. So erhielt sie den Beinamen "die Wahnsinnige". Der Trauerzug erreichte im Dezember 1506 das Dorf Torquemada. Philipps Leichnam wurde in der Dorfkirche aufgebahrt. Eigentlich wollte sie den Toten nach Granada überführen, doch sie blieb, bis sie am 14. Januar 1507 ihr letztes Kind zur Welt brachte.
Im Sommer 1507 kehrte ihr Vater Ferdinand aus Italien zurück und übernahm die Regierung. 1509 ließ er Johanna nach Tordesillas bei Valladolid bringen. Dort lebte sie im Palast neben dem Kloster Santa Clara, in dem der Sarg ihres Mannes stand, bis Philipps Leichnam 1525 doch noch nach Granada überführt wurde.
Nach Ferdinands Tod 1516 wurde Johannas Sohn Karl neben seiner Mutter als König von Aragón und Kastilien anerkannt. Über Johanna fielen ihm die spanischen Königreiche samt ihren Übersee-Besitzungen zu; von seinem Vater Philipp erbte er die burgundischen Niederlande. 1519 wurde Karl zudem zum römisch-deutschen König gewählt, 1530 vom Papst zum Kaiser gekrönt. So entstand ein Herrschaftsbereich, in dem die Sonne kaum unterging.
Johanna blieb formal bis zu ihrem Tod Königin. Tatsächlich war sie ihrer Freiheit beraubt und von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten. Als Rebellen 1520 Tordesillas besetzten, versuchten sie vergeblich, Johanna für ihren Aufstand gegen Karl zu gewinnen. In ihrem Namen wollten sie regieren. Doch Johanna unterschrieb nicht: weder für die Aufständischen noch für die Königstreuen, die von ihr Erlasse gegen die Rebellen verlangten. Die Frau, deren Erbe den Habsburgern den Weg zur Weltmacht ebnete, starb am Karfreitag, dem 12. April 1555, mit 75 Jahren - nach 46 Jahren im Hausarrest.
Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

