Das unbekannte OrganWie Frauen besseren Sex haben können
Von Lauren Ramoser
Guter Sex ist für Männer leichter zu haben als für Frauen. Ein Mythos, der sich hartnäckig hält und gleichzeitig für viele Frauen bittere Realität ist. Weil sie Sex wie Männer haben, anstatt ihren Körper richtig zu verstehen.
Frauen haben nicht so gerne Sex wie Männer, wird ihnen zumindest nachgesagt. Das stimmt so aber nicht, erklärt die Berliner Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler im Gespräch mit ntv.de. "Viele Frauen entscheiden sich nur gegen Sex, der zu wenig aus ihrer Perspektive gedacht ist", schreibt sie in ihrem Beststeller "Don't miss the Clitoris".
Darin beschreibt sie das Organ Klitoris, das aus weit mehr Teilen besteht, als einer erbsengroßen, erregbaren Stelle, die landläufig bekannt ist. Ein weitverbreiteter Irrtum, der Millionen Frauen die Lust auf und beim Sex kostet. Neben dieser sogenannten Eichel besteht die Klitoris auch aus insgesamt vier Schwellkörpern, die sich neben den Vulvalippen um die Vagina spannen.
Dass selbst viele Frauen ihren Körper aus sexueller Sicht schlecht kennen, hängt auch mit dem gesellschaftlichen Blick darauf zusammen. "Wir haben einen fehlgeleiteten Blick auf den Frauenkörper, auf weibliche Sexualität. Und der ist fehlgeleitet, weil er aus einer männlichen Perspektive definiert ist", sagt Mangler. Auch vielen Medizinern ist die Klitoris als Organ in ihrer Fülle kaum bekannt. Mangler erzählt, dass ihr in einer Anatomie-Stunde erstmalig ein präpariertes Modell begegnet sei, bis heute sei das sehr selten. Diese flächendeckende Unwissenheit hat auf Frauen und ihre Sexualität offenbar große Auswirkungen.
Gender-Orgasmus-Gap
Es gibt bei heterosexuellen Paaren einen Unterschied in der Orgasmus-Frequenz, insbesondere bei One-Night-Stands, sagt Mangler. "Da kommen Frauen nur in 0 bis 10 Prozent der Fälle zum Orgasmus, Männer zu 60 Prozent", erklärt die Gynäkologin. Das ist im Ansatz nachvollziehbar, die Partner kennen sich und ihre Vorlieben nicht. In heterosexuellen Beziehungen ist die Quote allerdings nicht berauschend hoch. "Die Orgasmusrate der Frauen ist bei 55 bis 60 Prozent, die von Männern bei 80 bis 85 Prozent", sagt Mangler und erklärt: "Da scheint eine Art Lernprozess eingesetzt zu haben, wenn man sich besser kennt." Luft nach oben bleibt dennoch.
Der Glaube, die weibliche Sexualität sei zu kompliziert und Frauen brauchen zu lange, um zum Orgasmus zu kommen, hält sich hartnäckig. Dabei beweisen Studien das Gegenteil. "Die höchsten Orgasmusraten haben homosexuelle Paare, sowohl Männer als auch Frauen", erklärt die Gynäkologin. Und auch bei der Masturbation sind Frauen laut Studien genauso schnell und erfolgreich wie Männer, sagt Mangler. "Es ist nur kompliziert, weil wir die männliche Norm als Standard definiert haben", so die Expertin.
Länger ist nicht besser
Wie also können Frauen besseren Sex haben? Indem sie verinnerlichen, dass die Klitoris das für guten Sex relevante Organ ist und nicht die Vagina. "Dann schafft man den Weg von dem Gedanken weg, dass Penetration Sex ist", erklärt Mangler. "Die Klitoris zu kennen, ist grundsätzlich wichtig, weil man versteht, wo die Orgasmen herkommen", sagt die Gynäkologin. Denn wer Lust beim Sex empfinden will, muss wissen, welche Stellen stimuliert werden sollten.
Für Männer bedeutet das vor allem, dass der Mythos "länger ist besser" nicht stimmt, was für viele Männer eine gute Nachricht sein dürfte. "Im Gegenteil, das Lange ist schlecht, denn dann stimuliert man nicht die Klitoris, sondern es ist ein Abstand zwischen dem weiblichen und männlichen Körper und dann ist es schwerer", sagt die Gynäkologin. Lustvoller Sex kann für Frauen nicht nur aus Penetration bestehen.
Orgasmen kann man lernen
Viele Frauen sind verunsichert, weil sie selten oder schlecht zum Orgasmus kommen. Daraus entwickelt sich eine Abwärtsspirale, denn der Körper gewöhnt sich daran, lange zu brauchen, sagt Mangler. Die gute Nachricht ist, dass man Orgasmen auch lernen kann.
"Orgasmen funktionieren über Nerven und die sind programmierbar", erklärt die Berliner Chefärztin. "Nervenzellen sind wie lange Kabel, sie sind lernende Systeme. Wenn da die Erregung durchrauscht, dann bilden sich neue Rezeptoren und die werden dann stärker auf den gleichen Reiz reagieren", erläutert Mangler. Heißt konkret: Orgasmen führen zu mehr und stärkeren Orgasmen.
Wichtig ist aber auch, dass man sich intensiv mit dem eigenen Körper beschäftigt. Was fühlt sich gut an? Wie lange fühlt es sich gut an? Rückmeldungen an den Partner sind wichtig, um langfristig ein erfüllendes Sexleben zu haben, auch wenn dieses Gespräch für viele eine Herausforderung ist, weil sie den Partner nicht verletzen wollen oder sich nicht trauen, ein so sensibles Thema anzusprechen. "Man wird sonst nie zufrieden und kriegt auch eine Mikroaggression auf die Beziehung", sagt Mangler. "Wenn nie der richtige Zeitpunkt ist, kann man es genauso gut auch jederzeit machen", so die Ärztin. Den Partner immer wieder anzulügen oder Orgasmen vorzuspielen, sei schließlich verletzend. Ein glückliches Sexleben stärkt zudem die Beziehung und die mentale und physische Gesundheit, es spricht also nichts gegen Orgasmen.
