Politik

"Nowaja Gaseta" stirbt an PutinDas letzte Licht in der Potapowski-Gasse erlischt

08.11.2026, 10:30 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt, Prag
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Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow im Jahr 2023 vor Ausgaben seiner "Nowaja Gaseta" (Foto: picture alliance/dpa/SWR)

Nach 33 Jahren stellt Russlands bekannteste unabhängige Zeitung ihre Arbeit ein. Sechs ihrer Journalisten wurden ermordet, ihr Chefredakteur bekam den Friedensnobelpreis. Am Montag verlässt die Redaktion ihr Haus.

Als die Nachricht kam, war Dmitri Muratow unterwegs nach Paris. Er wollte dort an Anna Politkowskaja erinnern, die zwanzig Jahre zuvor, am 7. Oktober 2006, im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden war. Dann erfuhr die Leitung der "Nowaja Gaseta" in Moskau, dass sie das Haus im Potapowski-Gässchen räumen muss, in dem die Redaktion fast dreißig Jahre gearbeitet hat. In diesem Haus liegt auch das Zimmer, in dem Politkowskaja ihre Texte über Tschetschenien schrieb. Die Kollegen haben es nach ihrem Tod als kleines Museum erhalten. Mit der Räumung wird auch dieses Museum geschlossen.

Am Ende bleibt also nicht einmal das Gedenken. Zwanzig Jahre nach dem Mord an ihrer bekanntesten Reporterin verliert die Zeitung den Raum, in dem sie an Politkowskaja erinnert hat.

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Der Arbeitsplatz der russischen Journalistin Anna Politkowskaja in der Redaktion der Zeitung "Nowaja Gaseta" in Moskau, aufgenommen im Jahr 2009. (Foto: picture-alliance/ ZB)

Eine Woche später, am 26. Oktober, trafen sich Muratow und Chefredakteur Sergej Sokolow mit der Belegschaft. Sie kamen nicht in der Redaktion zusammen, sondern im Keller eines Nachbarhauses, weil sie fürchteten, dass ihr Büro abgehört wird. Bei diesem Treffen beschlossen sie, die Zeitung zu schließen. Sie fürchteten, die "Nowaja Gaseta" könnte als "extremistische Organisation" eingestuft werden. Dann hätte jedem, der weiter für sie arbeitet, Haft gedroht. Am 30. Oktober veröffentlichte die Redaktion ihre Erklärung. Sie trägt zwei Wörter als Überschrift: "Нас убили" - "Sie haben uns getötet."

Mit der Kündigung der Räume fiel fast zur selben Zeit auch das System aus, über das Leser Geld spenden konnten. Es war die letzte Einnahmequelle. Mehr als dreißig Jahre Leben mit dem Land und seinen Bürgern endeten, so heißt es in der Erklärung, "auf der Straße, ohne Lebensunterhalt, unter ständiger Drohung von Repressionen". Die Journalisten nennen sich in dem Text "Flüchtlinge im eigenen Land".

33 Jahre, sechs tote Journalisten

Die Zeitung entstand im Frühjahr 1993, in den Jahren zwischen dem Ende der Sowjetunion und dem, was danach kam. Etwa dreißig Journalisten hatten die "Komsomolskaja Prawda" verlassen, weil sie eine Zeitung machen wollten, die niemandem gehört außer ihnen selbst. Michail Gorbatschow gab ihnen einen Teil seines Friedensnobelpreisgeldes, und davon kauften sie acht Computer. Am 1. April 1993 erschien die erste Ausgabe. Sie hieß noch "Nowaja jeschednewnaja gaseta", Neue Tageszeitung, und hatte eine Auflage von 100.000 Exemplaren. 1995 ging der Redaktion das Geld aus, und die Zeitung erschien ein halbes Jahr lang nicht. Danach kam sie zurück.

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Kennt das Haus im Potapowski-Gässchen: Der damalige Bundesaußenminister und scheidende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte 2009 die Redaktion und sprach mit Chefredakteur Dmitri Muratow und Michail Gorbatschow, dem ehemaligen Präsidenten der UdSSR und Schutzpatron der "Nowaja Gaseta". (Foto: picture alliance / photothek)

Was die "Nowaja" in den folgenden Jahren war, lässt sich an einer Geschichte aus den Neunzigern zeigen. Der Reporter Kirill Beljaninow versuchte damals, einen Atomsprengkopf zu kaufen, um zu beweisen, dass es möglich war, und es wäre ihm fast gelungen. Die Zeitung recherchierte Korruption in Ministerien, Folter in Polizeiwachen und Verbrechen der Armee im Kaukasus. Sie schrieb über die Verbrechen, die der Staat begangen hatte, und auch über die Gleichgültigkeit, ohne die diese Verbrechen nicht möglich gewesen wären. Die Reporterin Jelena Kostjutschenko sagte zum Abschied, das Archiv der "Nowaja Gaseta" sei nicht nur eine Chronik der Verfehlungen Putins, sondern auch eine der eigenen.

Diese Arbeit hatte einen hohen Preis. In der Redaktion hängen die Fotos von sechs Menschen. Igor Domnikow wurde im Jahr 2000 erschlagen. Juri Schtschekotschichin, der stellvertretende Chefredakteur, starb 2003 innerhalb weniger Tage an einer rätselhaften Krankheit. Die Behörden sprachen von einer Allergie, die Redaktion glaubt bis heute, dass er vergiftet wurde. 2006 wurde Anna Politkowskaja erschossen. Im Januar 2009 wurden auf einer Moskauer Straße Stanislaw Markelow, der Anwalt der Zeitung, und die junge Journalistin Anastasia Baburowa erschossen. Im Juli desselben Jahres wurde Natalja Estemirowa in Grosny entführt und wenige Stunden später ermordet aufgefunden. Als Muratow 2021 gemeinsam mit der Philippinerin Maria Ressa den Friedensnobelpreis bekam, widmete er ihn diesen sechs.

Der Ukraine-Krieg als Sargnagel

Nach Politkowskajas Tod fuhren andere aus der Redaktion weiter nach Tschetschenien. Jelena Milaschina machte 2017 bekannt, dass dort schwule Männer verschleppt, gefoltert und getötet wurden. Im Juli 2023 überfielen maskierte Männer sie und den Anwalt Alexander Nemow auf dem Weg vom Flughafen nach Grosny. Sie brachen ihr die Finger, schoren ihr den Kopf und übergossen ihn mit grünem Antiseptikum.

Mit dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 begann das Ende. Unter den neuen Zensurgesetzen hörte die Zeitung Anfang März auf, über die Kämpfe zu berichten, Ende März setzte sie ihr Erscheinen ganz aus. Im April schüttete ein Mann in einem Zug Muratow rote Farbe ins Gesicht, die mit Aceton versetzt war, und rief dabei: "Muratow, das ist für unsere Jungs." Im Juni versteigerte Muratow in New York seine Nobelmedaille für 103,5 Millionen Dollar an UNICEF, das Geld ging an ukrainische Flüchtlingskinder. Im September 2022 entzog ein Moskauer Gericht der Zeitung die Lizenz. Als Grund hieß es, die "Nowaja" habe vor zwanzig Jahren versäumt, eine Kopie ihrer Satzung einzureichen. Kurz zuvor war Gorbatschow gestorben.

Damals schrieb die Redaktion: "Heute wurde eine Zeitung getötet." Darunter stand aber noch ein zweiter Satz: Die "Nowaja Gaseta" war und ist und wird sein.

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Die lettische Ausgabe der "Nowaja Gaseta Europa" steckt an einem Zeitungsstand in Riga. (Archivbild) (Foto: picture alliance/dpa)

Und sie gab nicht auf. Ein Teil der Redaktion ging ins Exil und gründete in Riga die "Nowaja Gaseta Europa". Die anderen blieben in Moskau, fast fünf Jahre lang, wie es in der Abschiedserklärung heißt, "in dichter Umzingelung durch die Geheimdienste". Sie veröffentlichten im Internet und brachten ein Magazin mit einer Auflage von 999 Exemplaren heraus, denn ab tausend hätte es registriert werden müssen. Jede ihrer Webseiten wurde gesperrt, und jedes Mal eröffneten sie eine neue. 2023 wurde Muratow zum "ausländischen Agenten" erklärt. Vor Gericht sagte er dazu, er sei gegen das Töten und deshalb ein ausländischer Agent, und die, die das Töten unterstützten, seien dann wohl Patrioten. Er gab die Chefredaktion an Sergej Sokolow ab, der seit 1997 für die Zeitung schreibt. Sokolow war es auch gewesen, der 2009 den Reportern am Telefon erklärt hatte, wie Markelow und Baburowa gestorben waren.

Alles, was war, ist im Netz

Im Jahr 2026 wurde der Druck immer stärker. Im April durchsuchten maskierte Beamte die Redaktion dreizehn Stunden lang. Der Investigativreporter Oleg Roldugin wurde festgenommen. Er hatte kurz zuvor recherchiert, wie ein früherer Mitarbeiter eines Neffen von Ramsan Kadyrow an eines der teuersten Penthäuser Moskaus gekommen war. Vorgeworfen wird ihm die "illegale Nutzung personenbezogener Daten", als Beweis führen die Ermittler seine Chats mit Telegram-Bots an. Ihm drohen sechs Jahre Haft. Im September stufte das Justizministerium die Zeitung selbst als "ausländischen Agenten" ein, im Oktober wurde Sokolows Wohnung durchsucht. Kurz darauf kam die Kündigung der Räume.

In der Erklärung vom 30. Oktober steht auch, dass die "Nowaja" zusammen mit der russischen Verfassung getötet worden sei. Artikel 29 der Verfassung verbietet die Zensur. Das galt auch für alle dreißig Jahre, in denen diese Zeitung erschien. Das, was die "Nowaja" geschrieben hat, bleibt aber erhalten. Anfang November haben Archivare alle Ausgaben seit 1993 vollständig ins Netz gestellt, fast eine halbe Million Artikel. Dazu gehören auch die Texte, die die Redaktion auf Anordnung der Zensurbehörde löschen musste, etwa Kostjutschenkos Reportage aus dem besetzten Cherson. Auch im Exil wird weitergeschrieben, in Riga und anderswo.

Nur das Haus in Moskau gibt es dann nicht mehr. Die Erklärung endet mit einem Nachsatz: Die letzte Nummer wird erscheinen. Danach, am 9. November, werden die Journalisten zum letzten Mal durch die Redaktion im Potapowski-Gässchen gehen. Es ist der Tag, an dem 37 Jahre zuvor in Berlin die Mauer fiel; in dem Herbst, ohne den es diese Zeitung nie gegeben hätte. Sie werden die Server abschalten. Dann geht auch in dem Zimmer von Anna Politkowskaja das Licht aus.

Quelle: ntv.de

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