Folge des Ukraine-KriegsRussland will im Westen gestohlene Autos zulassen
Von Artur Weigandt
Russland kämpft mit wirtschaftlichen Problemen, ein Markt floriert aber: der für gestohlene Autos. Mit einer Gesetzesänderung macht der Staat es den neuen Haltern nun leichter, die Fahrzeuge zu nutzen. Das hat viel mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun.
Wer in Russland ein Auto kauft, das in Hamburg, Toronto oder Charkiw als gestohlen gemeldet ist, hat bislang ein Problem: Die Verkehrspolizei verweigert die Zulassung, solange der Wagen in der internationalen Fahndung steht. Das soll sich ändern. Der Verkehrsausschuss der Staatsduma hat Ende Oktober empfohlen, einen Gesetzentwurf des Innenministeriums in erster Lesung anzunehmen. Er erlaubt dem Ministerium, ein "besonderes Verfahren" für die Registrierung solcher Fahrzeuge festzulegen - sofern die Fahndung von einem Staat ausgeht, den Moskau als "unfreundlich" führt. Darüber berichtete die Wirtschaftszeitung "Kommersant". Der Entwurf geht auf eine Anweisung Wladimir Putins zurück.
Die Begründung klingt nach Verwaltungsalltag. Seit 2022 hat das Innenministerium nach eigenen Angaben rund 1500 Fahrzeuge in Russland entdeckt, nach denen andere Staaten fahnden. Warum sie gesucht werden, lässt sich meist nicht klären, weil ausländische Behörden auf Anfragen kaum noch antworten. Viele europäische Staaten haben die Polizeizusammenarbeit mit Moskau seit dem Überfall auf die Ukraine tatsächlich weitgehend eingestellt. Der Entwurf diene dem "Schutz der legitimen Interessen" der Besitzer solcher Fahrzeuge, heißt es.
Das Ministerium hat den Text im Februar vorgelegt, im Sommer brachte die Regierung ihn in die Duma ein. Die Fahndung soll formal bestehen bleiben: Das Auto bekommt russische Papiere, das Ministerium informiert den Staat, der die Fahndung ausgelöst hat. Vizeinnenminister Igor Subow versicherte, die Registrierung erfolge nicht bedingungslos. Die ausländischen Behörden könnten nach Russland kommen, Dokumente schicken oder sich auf anderem Weg melden, um ihre Ansprüche zu belegen. Für Staaten, die jede Zusammenarbeit mit russischen Behörden ausgesetzt haben, ist das ein Angebot, das sie kaum annehmen können.
Autos aus der Ukraine leichter nutzbar
Den Boden bereitet hat ein Urteil. Im Oktober gab das Oberste Gericht dem Petersburger Danila Kossatschow recht. Er hatte ein in Kanada gestohlenes Auto gekauft und durfte es nicht zulassen. Das Gericht sprach vom Schutz gutgläubiger Käufer ausländischer Autos "vor den Handlungen unfreundlicher Staaten".
Bemerkenswert offen war Subow bei einem anderen Punkt. Die Änderungen seien zum Teil eine Folge des Krieges, sagte er. In den besetzten ukrainischen Gebieten hätten die Behörden Schwierigkeiten, "ehemals ukrainische Fahrzeuge" zu registrieren. "Der Gegner hat sie über Interpol zur Fahndung ausgeschrieben." Subow nannte die Regelung eine Übergangslösung, damit die Autos nicht ungenutzt herumstehen.
Übersetzt heißt das: Wenn Ukrainer ihre Autos über Interpol suchen lassen - zurückgelassen auf der Flucht, beschlagnahmt an Kontrollposten, mitgenommen von Soldaten - soll Russland diese Fahndung künftig per Verordnung übergehen können. Dass Besatzungstruppen in großem Stil Fahrzeuge an sich genommen haben, ist belegt: Die Vereinten Nationen haben Fälle dokumentiert, in denen russische Kräfte Autos aus Wohnhäusern, Betrieben und an Checkpoints konfiszierten. Schon im August 2022 meldete der Stadtrat von Mariupol, die Besatzer hätten ein Verfahren zur "Legalisierung" gestohlener Autos ersonnen. Das neue Gesetz gäbe dieser Praxis einen Rahmen auf föderaler Ebene.
Hürde Interpol beseitigt
Die besetzten Gebiete spielen noch in einer zweiten Rolle mit: als Schleuse. Im November 2025 beschrieb die Zeitung "Iswestija" unter Berufung auf eine Quelle aus der Fahrzeugsicherheitsbranche, wie in der EU gestohlene Autos nach Russland gelangen. Nach dieser Darstellung werden sie zunächst in die Ukraine gebracht und von dort in die besetzten Teile der Gebiete Luhansk und Donezk. Dort gelten vereinfachte Zulassungsregeln.
Der Wagen wird auf einen Strohmann angemeldet, im Jargon "Drop". Dann fährt man ihn etwa nach Rostow am Don und schreibt ihn auf den eigentlichen Käufer um. In den russischen Datenbanken sieht das aus wie eine Erstzulassung, ohne Spur der europäischen Herkunft. Weil die Fahrzeuge nicht umgebaut und ihre Nummern nicht verändert werden, bestehen sie die üblichen Kontrollen.
Auffallen würden sie erst bei einem Abgleich mit Interpol. Die Quelle selbst warnte, ein großer Teil des gestohlenen Bestands werde "anschlagen", sobald Russlands Verbindungen über Interpol wiederhergestellt seien. Das geplante Gesetz nimmt diesem Risiko für die Käufer einen Teil seines Schreckens. Unabhängig bestätigt ist die Schilderung allerdings nicht; sie beruht auf einer einzelnen anonymen Quelle.
Fast 5000 Autos aus Kanada
Das Problem reicht weit über Europa hinaus. Seit Kriegsbeginn und Sanktionen ist Russland zu einem der größten Absatzmärkte für in Europa und Nordamerika gestohlene Autos geworden. Nach Angaben der "Moscow Times" registrierte Interpol zwischen Februar 2024 und Juli 2026 allein 4798 Meldungen über in Kanada gestohlene Fahrzeuge, die anschließend in Russland gefahren wurden. Tausende weitere kamen über den sogenannten Parallelimport, oft über die Vereinigten Arabischen Emirate, auf den russischen Markt.
Auch deutsche Fahndungen werden in Moskau bereits abgeräumt. Das Innenministerium meldete, die internationale Fahndung nach 665 Autos aus deutschen und kanadischen Datenbanken sei beendet. Die deutsche Seite habe seit Frühjahr 2022 nicht mehr auf Anfragen zur Aktualität der Daten reagiert, das Ministerium habe sich deshalb an das Generalsekretariat von Interpol gewandt.
Neu ist das Muster nicht. Ende der Neunzigerjahre berichtete "Kommersant", Russland erlaube das Fahren gestohlener Importwagen. Nachdem das deutsche Interpol-Büro im November 1998 seine gesamten Diebstahlsdaten übermittelt hatte, zeigte sich, dass rund 480.000 gesuchte Autos auf russischen Straßen unterwegs waren. Die Halter bekamen neue Papiere - mit dem Stempel "Gesucht von Interpol".
Den Abbruch der Polizeikooperation versteht Europa als Teil seiner Sanktionen; in Moskau wird er zum Argument: Wer nicht antwortet, verliert seinen Anspruch. Für russische Käufer ist das eine gute Nachricht.